Schuhe und Fetisch

Frauen wie Männer geben gerne spaßeshalber mit ihrem „Schuhfetisch“ an. Dies heißt in ihrem unbedarften Umgang mit dem Wort, dass sie mehr als drei Paar Schuhe zuhause stehen haben und gerne neue kaufen.

Die Geschichte des echten Schuh- und Fußfetischismus und die des High Heels jedoch ist eine lange und teils schmerzhafte, vor allem aber eine ambivalente. Der Schuh, insbesondere der High Heel hat mehrere Bedeutungswandel durchgemacht, war ursprünglich für Männer gedacht und drückte Stand und Herkunft aus, diente später als Unterdrückungs- sowie als Befreiungswerkzeug für Frauen, und ist auch heute noch ein heiß debattiertes Thema, zu dem jede Frau und jeder Mann eine Meinung hat (die könnt dann hier ihr gerne loswerden!)

Diese Modelle hier spielen wohl deutlich auf Fetische an. Natur vs. Technologie; Wildnis vs. Zivilisation, Jugend vs. Sterblichkeit – die Interpretationspalette ist unglaublich groß. Nur einmal kurz, damit klar ist, wovon ich rede, hier die Definition von religiösem und sexuellem Fetisch (nach Wikipedia):

Religiös: Der Fetischismus (lat. facticius: nachgemacht, künstlich; franz. fétiche: Zauber(mittel)) bezeichnet einen Glauben an übernatürliche Eigenschaften bestimmter auserwählter oder ungewöhnlicher (vorwiegend selbstverfertigter) Gegenstände unbelebter Art und deren Verehrung. (Totenschädel, heilige Knochen, Kruzifixe, Jesusstatuen etc.)

Sexuell: Als sexueller Fetischismus wird in der Regel eine sexuelle Devianz verstanden, bei der ein meist unbelebter Gegenstand, der sogenannte Fetisch, als Stimulus der sexuellen Erregungund Befriedigung dient. Das fetischistische Verhalten unterscheidet sich individuell stark und kann sich auf einen einzigen Gegenstand, auf mehrere Objekte, Materialien oder auch auf Körperteile (auch solche des Partners) beziehen.

Schuhfetischismus scheidet also für die meisten von uns aus.

Die Ambivalenz des Stilettos zeigt sich in seiner Fähigkeit sowohl Empowerment, als auch Disempowerment auszudrücken. Im akademischen und oft auch im beruflichen Umfeld ist es nach wie vor ein Tabubruch, wenn eine Frau in allzu weiblicher oder zu körperbetonter Kleidung auftritt. Die auf Descartes zurückgehende Meinung, Körper und Geist seien getrennte Entitäten (Dualismus) herrscht in diesen Bereichen nach wie vor vor. Deshalb ist die Meinung auch so stark vertreten, dass Mode banal sei, da sie dem Körperlichen zuzuordnen ist. Gefördert wurde diese herabblickende Meinung im Bezug auf High Heels auch durch frühe Feministinnen, die hochhackige Schuhe als männliches Machtinstrument verteufelten:

The stiletto is an evocative symbol of both submission and domination, and as Mary Douglas (1966) has argued, any phenomenon which blurs categories and transgresses boundaries is dangerous to any established order. And although high heels (for both men and women) have been around in Europe since the sixteenth century, the stiletto with its needle-point heels of reinforced steel is fundamentally a shoe design of modernity, a postwar phenomenon self-consciously breaking with the past and tradition.

Brydon, „Sensible Shoes“, Seite 7

Feminists have countered attempts to see erotic clothing as  a straightforwrad and healthy expressions of sexuality, and have argued convincingly that, reinforced  by pornographic imagery, women are manipulated into conforming to the masculine gaze (…) In this narrative, the stiletto is the epitome of women’s oppression, wherein the Birkenstock sandal is to the stiletto as the authentic is to the spurious. One cannot be a feminist and empowered and balance atop four inches of needle-sharp steel at the same time [oder doch?].

Brydon, „Sensible Shoes“, Seite 8

Ganz besonders interessant finde ich auch diese „märchenhafte“ Bedeutung des hochhackigen Schuhs:

Flügel (1930:27) notes that shoes are phallic symbols as well as symbols of female genitalia. (…) the shoe, he suggests, is ‚ambisexual‘: the intimate  insertion of flesh into an opening of leather, silk, kid [Anm.:  „kid“ heißt übersetzt „Chevreauleder“ und ist eine Art Ziegenleder. Ich fand das Wort etwas verstörend in dem Zusammenhang.] or satin versus the seductive enclosure of foot’s flesh with caressing fabrics. (…) small feet on a woman suggest a slender virginal opening, and in order to achieve an appearance of such, women have been known to wear shoes that are too small [Oh, Mist, schuldig!]. A few women have been reported to have had little toes removed in order to fit, Cinderella- like, into tiny shoes. The fact that, in the original French version of the Cinderella story, the slipper was made of fur, not glass, suggests that Prince Charming had more on his mind than returning lost footwear. [Ich glaube bald folgt ein Post über Cinderella, einst mein Lieblingsmärchen]

Brydon, „Sensible Shoes“, Seite 12 f.

Traurige Bekanntheit erlangte die chinesische Praktik des Fußbindens, bei welcher jungen Mädchen und Frauen einfach so lange immer wieder die Füße gebrochen und nach hinten gebunden wurden, bis sie letztendlich dem unten abgebildeten Ideal der Lotosfüße entsprachen.

Chinese footbinding represents the epitome of the emulation of the small foot. (…) Fortunately banned in 1911, footbinding was practised most typically on aristocratic women for reasons of status and for enhancing their sexual attractiveness, since the tiny crippled foot was highly eroticized in Chinese culture. [Vorsicht, jetzt wird es wirklich abstoßend!] The foot was used by men as a secondary sexual organ; he used the cleft created in the woman’s foot to masturbate.

Brydon, „Sensible Shoes“, Seite 13

Hier ein paar Bilder dieser Technik und ein Auszug aus Wikipedia

Some men preferred never to see a woman’s bound feet, so they were always concealed within tiny „lotus shoes“ and wrappings. Feng Xun is recorded as stating, „If you remove the shoes and bindings, the aesthetic feeling will be destroyed forever“ — an indication that men understood that the symbolic erotic fantasy of bound feet did not correspond to its unpleasant physical reality, which was therefore to be kept hidden. For men, the primary erotic effect was a function of the lotus gait, the tiny steps and swaying walk of a woman whose feet had been bound. Women with such deformed feet avoided placing weight on the front of the foot and tended to walk predominantly on their heels. As a result, women who underwent foot-binding walked in a careful, cautious, and unsteady manner. The very fact that the bound foot was concealed from men’s eyes was, in and of itself, sexually appealing. On the other hand, an uncovered foot would also give off a foul odor, as various saprobic microorganisms would colonize the unwashable folds. [Igitt!]

Wikipedia

Na, seht ihr hier etwa auch eine Anspielung? Ich würde sagen, die Verwandtschaft ist unleugbar, danke Alexander Mc Queen und Lady Gaga für diese Erleuchtung.

Zu guter Letzt möchte ich noch ein paar Sinnsprüche anbringen, die zeigen, wie stark Schuhe unsere Kultur prägen und mit ihr verwachsen sind, denn sowohl im deutschen, als auch im englischen wird der Schuh oft sinnbildlich gebraucht und spielt eine wichtige Rolle in Märchen:

  • If the shoe fits, wear it
  • Das sind zwei verschiedene paar Stiefel
  • Walk a mile in another man’s shoes and you will understand his problems
  • waiting for the other shoe to drop
  • Der gestiefelte Kater – überhaupt die Siebenmeilenstiefel
  • natürlich Cinderella/ Aschenputtel
  • fällt Euch noch was ein?

Quotes from:

Brydon, Anne. „Sensible Shoes“. Consuming Fashion. Adorning the Transnational Body. Brydon, A. and Niessen, S. Eds. Oxford: Berg. 1998. 1-22. Print

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3 Gedanken zu “Schuhe und Fetisch

  1. Sehr interessant, ich habe selbst eine Hausarbeit zum Thema High Heels geschrieben und finde das man schon von einer Art Fetisch sprechen kann, jedoch nicht ausgehend von der Trägerin, sondern von demjenigen der sie in ihren High Heels anziehend findet. Denn auch das Fußabbinden in China, wurde ja praktiziert um zu gefallen und nicht weil man es selber so toll fand. Auch wenn es leider so wirkt, dass Frau sich für den Mann in schrecklich unbequeme Schuhe zwängt, muss ich selbst als (leidende) High Heel Freundin zugeben, dass die Veränderung des Körpers und natürlich auch das Aussehen des Schuhs die Trägerin doch reizen.
    Und zu den Alexander McQueen Schuhen muss ich sagen, dass sie zwar eine Ähnlichkeit zu den Lotusfüßen haben, aber der Trick ist ja, das man in seinen Schuhen seine Füße nicht verkrüppeln muss. Zumindest nicht so schlimm wie in China damals.

    1. Danke für deinen Kommentar! Ich wollte mich den Thema auch nur mal ein wenig nähern, vielleicht folgen noch weitere Posts zum Schuhfetisch. Ich würde aber sehr gerne mal Deine Hausarbeit lesen!

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