Helmut Newton – Eine Welt ohne Männer

Dieser Artikel erschien ursprünglich am 08.01. 2013 bei globe-m

Zeit seines Schaffens war die Modefotografie Helmut Newtons Steckenpferd. Die Liebe zu schönen Frauen und ihre Inszenierung durch Kleidung, oder das Weglassen eben jener, mag ein entscheidender Faktor dabei gewesen sein. Nun zeigt die Helmut Newton Foundation in Berlin seine Fotografien aus dem 1984 erschienenen Bildband A World Without Men erstmals gesamt in einer Ausstellung.

Das Wesentliche als ästhetisches Markenzeichen

Ob Nachrichtenmagazine oder internationale Modepresse, Helmut Newton arbeitete im Laufe seiner Karriere für fast alle, die Rang und Namen haben, vomStern bis hin zur Vogue. Kein Wunder: Seine Ästhetik ist von einer Selbstverständlichkeit und Klarheit wie sie in diesem Metier nur wenige erreichen. Keine Ausschweifungen ‑ bei Newton geht es direkt zur Sache. Nebensächlichkeiten, Störfaktoren und überflüssige Informationen, ja selbst Farbe, wurden meist eliminiert, bis letztendlich nur die Essenz der Bildaussage übrig blieb. Und gerade weil Newton sie so unverschleiert und ungeschönt herauskristallisierte, sind seine Bilder oft verstörend schön, provokativ oder bedeutungsschwanger.

Starke Frauen statt Objekte

Immer wieder musste sich Newton den Vorwürfen stellen, er reduziere Frauen zu Sex-Objekten. Doch betrachtet man die Bilder dieser und der angeschlossenen Porträt-Ausstellung „Archives de Nuit“, dann zeichnet sich ein ganz anderer Eindruck ab. Charakter, Agenda, Wünsche, Ziele, Stärke und Willenskraft strahlen seine Models aus, fast so, als könne Newton tatsächlich mit einem Foto die Seele der oder des Fotografierten einfangen. Die Kleidung spielt dabei bestenfalls eine unterstützende Rolle. Hier macht nicht die Kleidung die Frau, sondern die Frau die Kleidung. Das zeigt sich besonders deutlich in den beiden direkt übereinander platzierten Aufnahmen mit dem Titel „Here They Come“. Darin laufen vier Frauen energisch auf die Kamera zu, einmal bekleidet, einmal in fast exakt derselben Pose nackt. Dabei wirken die Frauen in zweiterem Bild nicht verletzlicher oder angreifbarer, eher scheint es, als gewännen sie an Souveränität.

Die Absenz des Mannes

Auch wird die namensgebende Abwesenheit des Mannes nicht durch seine tatsächliche Absenz markiert ‑ es sind durchaus Männer zu sehen ‑ sondern durch seine vergleichsweise blasse Präsenz. Die Männer werden zum Beiwerk, zum Accessoire, zum Hintergrund der im Rampenlicht stehenden Heldinnen Newtons. In jenen Bildern, in denen tatsächlich nur Frauen zu sehen sind, wird die maskuline Abwesenheit aber auch nicht zum Thema. Diese Damen sind unabhängig, brauchen keinen männlichen Konterpart, um zu zählen.

Aktfotografie ‑ Feind oder Mittel der Emanzipation?

Natürlich, der Blick der Kamera ist der Blick eines Mannes. Doch hilft nicht auch das Betrachten eines anderen weiblichen Körpers, ohne pornografische Verfälschung, dem Verständnis des Selbst sowie des männlichen Blickes? Kann nicht die Aktfotografie ein Vermittler zwischen den Geschlechtern sein, wo verbale Kommunikation versagt? Gerade bei Newton zeigt sich Schönheit recht inklusiv, verzeiht Imperfektion mehr als vielleicht der weibliche Blick es täte. Sollte die eigene und fremde Nacktheit nicht als Teil der Schönheit der Natur gefeiert werden, anstatt sie schamvoll zu verurteilen?

Weitere Informationen

Die Ausstellung ist noch bis zum 3. März zu sehen.

HELMUT NEWTON FOUNDATION

Museum of Photography
Jebensstrasse 2 / 10623 Berlin
www.helmut-newton.com

Öffnungszeiten:
Di. – So. 10.00 -18.00 Uhr.
Do. 10.00 – 20.00 Uhr

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