Vergängliches, allzu Vergängliches – Mode und Tod


Rick Genest für Mugler. Bild via

Giacomo Leopardi, der große italienische Dichter, schrieb 1824 einen Dialog zwischen der Mode und dem Tod. Darin erkennt der Tod, der Feind der Erinnerung, seine Schwester, die Mode, nicht wieder, als sich ihm diese offenbart.
Dabei, so argumentiert diese, sind sie beide „born of decay“, haben also die selbe Mutter. Doch liegt es auch in der Natur beider, die Welt ständig zu erneuern.

Edgar Allan Poe schrieb, der Tod einer schönen Frau sei „zweifelsohne das poetischste aller Themen“. Ein Gedanke seiner Ära – das viktorianische Zeitalter pflegte eine andere Beziehung zum Tode als man das heute gewohnt ist. Fotografien verstorbener Familienmitglieder, sogenannte post-mortem Fotografie, sollten das Andenken an Geliebte über ihren Tod hinaus stärken.
Damals eine ganz normale Umgangsweise mit dem Verlust, heute ein Anblick, der Tabus verletzt.


Post-Mortem Fotografie. Bild via

In dieser Ära, in der korsettbedingte Blutarmut und vornehm-kränkliche Blässe das Schönheitsideal stellten, wurde der tote Frauenkörper in Literatur und Gemälden bis hin zum Stereotyp reproduziert. Insbesondere Suffragetten, die zu dieser Zeit Frauenrechte einzufordern begannen, aber auch unpolitische, attraktive Frauen wurden als bedrohlich wahrgenommen, weil sie eine unkontrollierbare Macht über Männer besaßen.
Um der Schönheit also ihre erotische Gefahr des Kontrollverlusts zu nehmen, entstand eine Konvention, in der Frauen leblos dargestellt wurden.


John Everett Millais, Ophelia. 1851-52. Bild via

John Everett Millais, Anhänger der ersten Avantgarde-Kunstbewegung, brachte das wohl bekannteste solcher Frauenbilder hervor, die leblos im Wasser treibende, den Tod scheinbar willkommen heißende Ophelia.
Dass dieses Bild eine Kunst-Konvention geworden ist, zeigen popkulturelle Referenzen von Kylie Minogue bis hin zu Lars von Trier, der Kirsten Dunst in Melancholia nach ihrem Vorbild inszeniert.


Kirsten Dunst in „Melancholia“. Bild via


Kylie Minogue „Where the Wild Roses Grow“ Bild via

Guy Bourdin war wohl der Erste, der diese Bildsprache in die Modefotgrafie übertrug. Seine Modestrecken schockierten, sandten eine morbide Faszination aus.
Nick Knight sagte über die Ikonografie Bourdins folgendes: „Fear is something that we, despite ourselves, want to experience. And I think the violence does add glamour in a kind of perverse way.“
Dieses Nicht-Wegsehen-Können, aber auch nicht wirklich hinsehen dürfen, ist eine mächtige Emotion, die die Darstellung von Gewalt in uns auslöst.
Gepaart mit Erotik und Schönheit multipliziert sie sich ins Unendliche. Bourdin nutzte diesen Kampf zwischen Gut und Böse in seinen Fotografien, kämpfte ihn wohl auch mit sich selbst.
Auch Helmut Newton nutzte den Effekt für seine Fotografie, spielt visuell direkt auf Bourdin und Millais an.


Guy Bourdin, Bild via


Guy Bourdin, Bild via


Helmut Newton, Bild via

Wie Ingrid Loschek in Wann ist Mode bereits bemerkt, ist „die Provokation (…) nichts anderes, als die Verführung, sich mit dem Dargestellten zu beschäftigen“. Da die Modefotografie, die meist als Teil einer Strecke in einem Magazin erscheint, und daher kurzlebiger ist, als die Kunstfotografie, schnell überzeugen muss, bedienen sich ihre Künstler dieser Provokation.
Der Tod wird zum Punktum, wie Barthes es benennt, der Tabubruch wird zum Verweilort des Blickes.


Seana Cavanagh, Bild via

Die Schönheit der Mode wird durch ihre prekäre Existenz unterstrichen. Schön bis zum Ende, und dadurch endlos schön werden die Frauen in dieser Konvention des Betrachtetwerdens dargestellt – eine weit zurückreichende visuelle Tradition, die Frauen für ihre Schönheit verehrt, ihnen aber jegliche Agenda, jegliche Teilhabe am Kunstwerk abspricht.
Das Model wir durch ihre Passivität auf das rein Körperliche reduziert, der Mann als Fotograf oder Maler stellt seine Position als der Schaffende, der Akteur wieder her. Vielleicht sind Phänomene wie Rick Genest, bekannt als Zombie Boy, ein Anzeichen für das Auflösen dieser Tradition, der schöne Tod ist nun nicht mehr nur der Frau vorenthalten.


Rick Genest für Mugler. Bild via

Dem Zahn der Zeit entgehen – der einzige Weg, dem äußerlichen Verfall zu vermeiden und unsterblich zu werden, ist der verfrühte Tod selbst. Hier haben Mode und Tod ihre Schnittmenge – sie leben vom Werden und Vergehen, lediglich der Stillstand ist für sie tödlich.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf www.modabot.de.

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