Fashion Week on Ice

Mulberry Fashion Ice Cream
Mulberry Fashion Ice Cream

Dieser Artikel erschien in der Juniausgabe von Traffic News to go.

Um die Berliner Mode ist es momentan schlecht bestellt. Als ein bekannter Blog dieses Jahr zum 1. April scherzte, die Berlin Fashion Week zöge in der kommenden Saison an den Berliner Flughafen BER um, war das irgendwie ein bisschen lustig und irgendwie ein Stich in die Brust. Denn dass ein temporärer Umzug anstünde, war wegen der auf der Straße des 17. Juni geplanten WM-Fanmeile allen klar, die die Prioritäten der meisten Deutschen und der Stadt Berlin kennen. Mode ist zwar sexy, aber Fußball ist halt geiler.

Deshalb findet die Fashion Week im kommenden Juli (08.-11.07) im Erika-Heß-Eisstadion (EHE) in Berlin (laut Veranstalter IMG „Mitte“ – tatsächlich Wedding) statt. Dort hatte in der Vergangenheit bereits Hugo Boss eine Show gezeigt, bei der nicht so richtig Stimmung aufkommen wollte. Platz und Möglichkeiten der Inszenierung bietet die Halle zwar durchaus, nur geht es in der Mode eben vorrangig ums Image. Und das Image einer Eishockeyhalle ist, nun ja, eher mäßig. Dass die Berliner Modewoche derart auf Eis gelegt wird, ist ein weiterer Schritt in Richtung modischer Versenkung. Berlin als erfolgreiche Modestadt – dazu bedarf es Hilfe von oben. Dort scheint aber teilweise das Verständnis für die Bedeutung der Modebranche für Berlin und Deutschland zu fehlen. So bezeichnete Monika Grütters (Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, CDU) die Fashion Week als „Werbeveranstaltung“, bei der die Location am Brandenburger Tor den “Sponsoren doch nur noch als Kulisse“ diene. Dies sei einem „Baudenkmal wie dem Brandenburger Tor unwürdig”. Spannend, wenn man an die Fanmeile denkt, die zufällig auch Hyundai Fan Park heißt.

Somit ist dann aber wenigstens klar, warum die Abwanderung der großen Modenamen seit Jahren zunimmt: Labels wie Escada, Hugo Boss, Strenesse und zuletzt auch neuere Hoffnungen wie Achtland verlassen die deutsche Hauptstadt, weil sie sich hier weder verstanden noch gefördert fühlen. Dabei ist die Fashion Week Berlin für die Stadt ein äußerst lukratives Event: die zusätzliche Wirtschaftsleistung der Stadt liegt laut einer Studie der Investitionsbank Berlin bei 120 Mio. Euro pro Saison. Aber nicht nur im finanziellen Rahmen, auch für das Image Berlins als ein kulturelles Zentrum in Europa ist die Mode, neben der Kunst und der Technik, ein wichtiger Faktor. An Kreativität hat Berlin viel Potential zu bieten: Tech-Entrepreneure, Künstler und Modedesigner sind Aushängeschilder dieser jungen Stadt, die sich langsam vom viel zu lang zelebrierten „Arm aber Sexy“-Image zu einer erwachsen gewordenen Metropole mausert.

Die bereits 15. Ausgabe der Berlin Fashion Week ist also wieder einmal ein Event das auf wackeligem Fundament steht. Dennoch gibt es natürlich einige Highlights, auf die man sich freuen darf: Neben dem Designer for Tomorrow Award, der in diesem Jahr unter der Schirmherrschaft von Tommy Hilfiger stehen wird und dem Start Your Own Fashion Business Award der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung (kurz, witzigerweise, „WTF“) sucht auch die Vogue in ihrem Vogue Salon wieder nach Nachwuchstalenten (noch nachprüfen) Alte, zuverlässige Bekannte wie Vladimir Karaleev, Michael Sontag, Kaviar Gauche, Esther Perbandt oder Lala Berlin bilden zudem Stützpfeiler dieser wackeligen Konstruktion namens Berliner Modewoche. Sie formen eine Riege an Berliner Designern, die Saison für Saison mit ihren kreativen Leistungen auf dem Laufsteg überzeugt.

Dann sind da natürlich jene Darlings der Modebranche, wie Hien Le, Augustin Teboul, oder Dawid Tomaszewski, die auch nach mehreren Saisons auf der Modewoche Schwierigkeiten haben, das Label des „Jungdesigners“ abzuschütteln, welches in Berlin so gerne verliehen und dann zurückzunehmen vergessen wird. Marina Hörmanseder, mit ihren bondage-inspirierten Lederharnissen, VonSchwanenflügelPupke mit den detailverliebten Prints und Bobby Kolade mit seiner Art, über den Tellerrand zu denken, sind dann die wirklich Neuen, mit denen hoffentlich auch ein Wiedersehen zustande kommen wird. Zusätzlich zu all diesen Akteuren, welche die Berliner Kreativszene zu dem machen, was sie ist, sorgen Premium, Bread & Butter, Panorama, Capsule, Seek und weitere Satellitenmessen pro Saison für zusätzliche 200.000 Übernachtungen in Berliner Hotels. Davon profitieren nicht nur die 2.230 Unternehmen, die in Berlin in der Modebranche tätig sind, sondern auch Gastronomiebetriebe, Dienstleister und der übrige Einzelhandel. Zudem sind die Umsätze der Modebranche sind von 2009 bis 2011 auf über 2 Millarden Euro gestiegen. Vielleicht sollte das mal jemand Frau Grütters erzählen. Sie könnte es aber auch einfach bei den Kollegen vom Senat für WTF, die rund eine Million Euro pro Jahr in die Nachwuchsförderung investieren, nachlesen.

Alle Zahlen: http://www.berlin.de/sen/wirtschaft/abisz/mode.html

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