Der Kunstpalast schließt und wird durch Instagram ersetzt.

Ein Treffen der Giganten: Jim Rakete moderierte anlässlich der Ausstellung­­ ‚4 Real & True 2. Wim Wenders. Landschaften. Photographien.’ ein Gespräch zwischen Peter Lindbergh und Wim Wenders im Düsseldorfer Kunstpalast. Ein Gespräch über deutsche Geschichte, Ästhetik und den Tod des Autors.

Der Künstler ist anwesend

Eine Kindheit im Westdeutschland der Nachkriegszeit, zwischen ihnen der Rhein – einer auf der einen Seite und einer auf der Anderen – prägt sowohl die erste ästhetische Welterfahrung von Wim Wenders, 1945 in Düsseldorf geboren, als auch von Peter Lindbergh, der in Duisburg aufwuchs.

Vor allem sei ihm, erinnert sich Wenders, dieses eine Bild geblieben: „Wenn man sich auf den Rheinauen umgedreht hat – der Blick auf diese Stadt, die es nicht gab, dieses kaputte Düsseldorf.“ Der Gegenentwurf zu dieser tristen, aber die Fantasie beflügelnden, Realität fand sich in seinem Tor zur Welt – in der Kunst und in den Zeitschriften seiner Mutter.

Bis 1983 fotografierte Wenders als Resultat dieser ersten, prägenden Tristesse nur in schwarzweiß. Dann begab er sich auf eine Reise durch den amerikanischen Südwesten. „Unverschämte Farben und die Wolken, die da liegen“, schwärmt Wenders.

Diese Reise machte ihn, der erst Medizin, Philosophie und Soziologie studierte, dann Malerei und erst ganz zum Schluss Film, zum Fotografen. Durch die Linse der Kamera näherte er sich der Landschaft und durch die sie bekam er den „Fuß in die Türe“ um anschließend den mittlerweile zum Klassiker gewordenen Film ‚Paris, Texas’ zu drehen. „Die Orte haben mir gesagt, wie ich den Film weiterdrehen soll’, sagt er.

Seine Panoramabilder, die im Museum Kunstpalast in Düsseldorf ausgestellt sind, dokumentieren die Auseinandersetzung Wenders mit (Nicht-)Orten überall auf der Welt, die, genau wie sein Nachkriegsdüsseldorf irgendwie nicht da sind. Ob auf den Golanhöhen, in Fukushima oder auf einem Beelitzer Spargelfeld, Wenders zeigt die Welt, wie sie in ihm ist und bildet sich durch diese Selektion der Motive unsichtbar in seinen Bildern ab.

Von Landschaften ohne und mit Menschen

Auch Lindbergh wurde mit Schwarzweißaufnahmen, insbesondere jener der Supermodels der 90er Jahre, weltberühmt. Die ungeschönten Schönheiten so abzulichten, dass man den Menschen dahinter erahnen kann, könnte man sagen, ist seine Spezialität.

Mit Hilfe der Oberfläche die Tiefe darzustellen, die Suche nach dem Punktum, vereint das Schaffenswerk der beiden Künstler – „Das, was zu einem spricht“, nennen sie es. Falten im Gesicht oder Schäden in der Landschaft – bei Wenders kann das auch ein Dixiklo inmitten einer erhabenen Panoramalandschaft sein.

Wenn es um Landschaften geht, kommt Wenders immer wieder auf seine sehr poetische Weise ins Schwärmen. Personen dagegen sind nicht so sein Ding. „Ich beneide das bei Dir. Deine Fähigkeit, Dich so auf ein Gesicht einzulassen. Ich dagegen warte immer, bis die Leute draußen sind aus meinem Bild“, sagt er an Lindbergh gewandt.

Universelle Wahrheiten vs. Photoshop

Was die drei Künstler der Runde vereint, ist ihre Suche nach dem Echten, dem Schönen, nach Authentizität. Doch diese Lust, auf der Suche nach solch universellen Wahrheiten im Dreck zu wühlen ist der heutigen Generation abhanden gekommen. Lindbergh formuliert seine Enttäuschung prophetisch: „Da ist eine große Katastrophe im Anmarsch. Modefotograf ist mittlerweile ein Schimpfwort. Was heute Schönheit genannt wird, ist, wenn jede Art von Erfahrung aus den Gesichtern rausretuschiert wird. Das ist doch ein Verbrechen.“

Wenders sieht die Sache ein wenig differenzierter: „Du musst das anders sehen, Peter. Die Leute, die in den 80ern geboren sind haben eine ganz andere Erfahrung gemacht. Die können mit deinem Begriff von Wahrheit gar nichts anfangen.“

Jedenfalls, so stellen die drei fest, stehen der neuen Generation mit ihrer Auffassung von Kunst im Weg. „Irgendein mit dem Handy hingerotzes Bild kann manchmal eben besser einfangen, wie die Welt heute ist, als ich das mit all meinem Equipment kann. Junge Leute haben heute eine andere Welt in und vor sich“, meint Wenders.

„Der Kunstpalast schließt und wird durch Instagram ersetzt“, flachst Lindbergh. Das Publikum, ebenfalls großenteils eher 68er als Gen Y, lacht.

 

Was bleibt und was vergeht

Die letzte offene Frage der Unterhaltung hallt jedoch auch nach dem Gespräch noch weiter: „Was wollen die?“ – mit ‚die’ ist die ‚neue’ Generation gemeint.

Immerhin konnten die 68er ihre Forderungen noch klar formulieren, durfte die Sinnhoheit über ihre Werke noch bei sich selbst suchen. In der Postmoderne ist diese Möglichkeit abgeschafft, jede Frage nur mit einer Kakophonie pluralistischer Meinungen und Stimmen zu beantworten, Begriffe wie Authentizität und Wahrheit finden längst keinen Konsens mehr.

Fakt ist, mit den Boomers verschwindet langsam eine der wohl letzten Generationen, deren Leben nicht fotografisch von Anfang bis Ende digitalisiert ist. Was früher nur dem Künstler vorbehalten war, nämlich das eigene Schaffenswerk für die Nachwelt zu erhalten und im musealen Kontext der Öffentlichkeit preiszugeben, ist nun durch soziale Medien allen möglich, aber auch kaum mehr vermeidbar. Das erste Bild des Nachwuchses landet bereits kurz nach der Geburt auf Facebook.

 

Beim Verlassen des Kunstpalastes scheint noch die Sonne. Die Rheinauen sind sattgrün, die Frachtschiffe kämpfen sich, brav aneinandergereiht, rheinaufwärts. Dieses Düsseldorf ist plakatiert mit kommerziellen Verheißungen, bekannt für seine dekadente Shoppingallee, selbst an den Handgelenken der Flanierenden findet sich mittlerweile der Zugang zum gesamten Bilderarsenal der Menschheitsgeschichte.

Der Schönheitsbegriff von Lindbergh und Wenders entstand in einer anderen Welt.

 

 

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