Der Desi­gner ist tot, es lebe der Stylist

vetements-haute-couture-fw-16-lofficiel
©Vetements SS17, Viktor & Rolf Haute Couture FW16, Vetements SS17 via lofficielmode.com

Dieser Artikel erschien ursprünglich am 12.07.2016 bei L’officiel Germany.

Recycling ist in. Bei Margiela und Viktor & Rolf kommt zur Haute Couture Recyceltes auf den Laufsteg, und auch bei der Mens/Womens SS17 Show von Vetements.

Neu ist daran hauptsächlich, wie die Retroteile kombiniert werden. Wenn das 20. Jahrhundert das des Designers war, so befinden wir uns aktuell im Zeitalter der Stylisten. Bricolage (von frz. bricoler herumbasteln, zusammenfummeln) ist das kontemporäre Gegenstück zum Kreieren. 

So zeigten die eben zu Ende gegangenen Couture-Schauen vor allem eines – Eklektizismus. Anything goes. Die Designer wühlen in den reich bestückten Archiven ihrer Modehäuser, gehen mit dem Staubwedel über Akten unseres visuellen kollektiven Bewusstseins, ziehen einige heraus und fügen ihre Inhalte neu zusammen. So entstehen die Looks von Heute. Erfolgsrezepte der Vergangenheit, neu püriert. 

vetements-haute-couture-fw-16-lofficiel
©Vetements SS17 via lofficielmode.com

Ganz ähnlich wie unser Facebook-Feed, sind viele der Kollektionen lose Aneinanderreihungen von Katzenbildern, Blumen und Jahrzehnten. Genau das ist es aber, was unsere immer kürzer werdende Aufmerksamkeitsspanne bei Laune hält. Bereits Bekanntes, neu geremixed. Die Postmoderne entfaltet ihre volle Intertextualität auf den Laufstegen von Mailand undParis, ganz besonders aber bei Vetements’ Demna Gvasalia.

Bei der Show des Hype-Labels, das momentan wohl das Stilgebendste ist, sah man eine bunte Mischung aus High und Low, In und Out, Chic und Trash. Dabei wandte Demna Gvasalia einen bewährten, wenn auch genialen Trick an: Dort ansetzen, wo der Zeiger des Modezyklus gerade noch auf “Ablehnung” steht. Er kombiniert also Dinge, die in der Vergangenheit hipwaren, dann out wurden und demnächst voraussichtlich wieder tragbar werden. Er nimmt sie aber aus der Altkleidersammlung, kurz bevor sie dies tun. 

vetements-haute-couture-fw-16-lofficiel
©Vetements SS17 via lofficielmode.com

Diese Vetements-Version des Ugly Chic, die vielleicht noch aus seinen Tagen bei Margiela herrührt, bedeutet im Moment also: spitz zulaufende Overknee-Satinstiefel, Karottenjeans-cum-Denimjacke, Antwerpen-Souvenir-Shirts, Hosen in über-über-Baggy und Trainingsjacken aus Ballonseide. Kennen wir alles aus den 90ern, aber jetzt kommt es anders.

Die Key-Pieces des Jahrzehnts werden neu wiederaufgelegt und verschiedene It-Labels der 90er kommen mit in den Blender. So finden sich bei Vetements’ Gastauftritt zur Haute Couture die Marken Champion, Juicy Couture, Eastpak, Manolo Blahnik, Carhartt, Levi’s und Reebok auf dem Laufsteg, der eigentlich für ultimative Exklusivität steht.  

vetements-haute-couture-fw-16-lofficiel
©Viktor & Rolf Couture FW16 via lofficielmode.com

Diese werden in diesem Retro-Spiel, das auch andere Designer beherrschen – man denke an Fila oder Kappa bei Gosha Rubchinskiy, “Enjoy Coke” bei Viktor & Rolf, oder, ganz selbstreferenziell, an ein Gucci-Logoshirt beiGucci – miteinander vermischt. 

Innerlich zwinkern sich alle Eingeweihten gegenseitig zu: Wir haben den Witz verstanden, sind Teil des gigantischen Insiderjokes. Das Styling macht den Look. Wer seine Marken und Referenzen beherrscht, ist drin. Wer den Witz nicht kapiert, bleibt draußen. Früher konnte sich ein exzessiv getragenes Brand-Logo negativ auf das Markenimage auswirken, heute tragen wir es ironisch und steigern damit den Markenwert der Brand. 

vetements-haute-couture-fw-16-lofficiel
©Gucci Cruise 2017 via lofficielmode.com

Ist das, was da auf die Laufstege kommt, jetzt noch Modedesign? Legenden der Mode, wie Coco Chanel, Christian Dior oder Yves Saint Laurent, konnten mit ihren Designs den Stil ihrer jeweiligen Zeit definieren und so auch gesellschaftlich Einfluss nehmen. Die Designer heute verhalten sich eher wie Stylisten, die keine wirkliche Aussage zur Gesellschaft treffen, sondern lediglich ihr eigenes System, die Mode, rezitieren. 

Über eines kann man kaum streiten: Es ist kaum noch möglich, eine komplett neue Silhouette zu entwerfen, alle Möglichkeiten scheinen bereits kreativ ausgeleuchtet worden zu sein. Auch gibt es kaum noch gesellschaftliche Tabus, die brechbar sind. Seit selbst Gender Fluidity nicht mehr shocking ist, hat die Mode ihre große Triebfeder verloren, das Spiel der Geschlechter. Was bleibt, ist ein nostalgischer Blick zurück. 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s