bling bling baby“ untersucht, warum kitsch uns gut tut

„bling bling baby“ untersucht, warum kitsch uns gut tut

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei i-D Germany

Bollywood, Glitter und Elton John: Eine Ausstellung im Düsseldorfer NRW-Forum vereint quietschbunte und überzeichnete Fotografien, die mit dem Unbehagen des Betrachters spielen. Ein Museumsbesuch zwischen Fremdschämen und Voyeurismus.

 

„Kitsch steht zumeist abwertend gemeinsprachlich für einen aus Sicht des Betrachters minderwertigen, sehnsuchtartigen Gefühlsausdruck. In Gegensatz gebracht zu einer künstlerischen Bemühung um das Wahre oder das Schöne, werten Kritiker einen zu einfachen Weg, Gefühle auszudrücken, als sentimental, trivial oder kitschig“, schreibt Wikipedia. Daneben ist ein Gartenzwerg abgebildet. Kitsch und Kunst—schließt sich das wirklich gegenseitig aus?

Nadine Barth hat sich für die von ihr kuratierte Ausstellung Bling Bling Baby auf die Suche nach Künstlern begeben, die sich ihrer sentimentalen Rührung nicht schämen. Beim Zusammentragen der Kitschwelten hat sie alle Register gezogen: Inka & Niclas fotografieren kitschig angestrahlte Felsen vor ebenso platten Sonnenuntergängen am Meer, bei Esther Haase zelebrieren aufgeputschte Beautys in knallbunten und -engen Rollernight-Outfits das Leben und David Drebin lässt Girls in Partykleidchen Selfies vor der Großstadtskyline schießen. Es ist Kunst, die eine ganz, ganz feine Gratwanderung zwischen Museum, 2000er-Jahre Wodka-Werbung und Stockfotografie vollführt.

Wir haben es alle schon getan: einen Sonnenuntergang fotografiert. Die Caption: #nofilter—um zu betonen, dass das Bild nicht digital verändert wurde; dass die Farben wirklich von knallig-pink bis babyblau rangiert sind in diesem Moment, vom Infinity-Pool aus. Vielleicht haben wir vor dem Posten auf Instagram kurz überlegt, ob das Bild zu kitschig ist und uns dann gedacht: Was soll’s, ich poste das ironisch. „Viele Menschen haben Angst vor Kitsch“, sagt Barth, „Es ist ihnen peinlich, weil es eine sentimentale Rührung ist und etwas über einen Preis gibt. Aber: Opulenz war immer da, im Barock, der Romantik, wir kommen immer wieder auf die Opulenz zurück. Sie kann als sehr wohltuend empfunden werden, wenn man es zulässt.“

Gerade die Modefotografie will Traumwelten schaffen. Meist sind darin die Schönen und Reichen abgebildet, wie sie ihr Leben in Saus und Braus leben. Das schafft Kaufanreize. Manche Fotografen nehmen das Kreieren von Traumwelten aber besonders ernst. Künstler wie David LaChapelle, Miles Aldridge und Pierre et Gilles treiben es mit den Traumwelten derart auf die Spitze, dass sie absolut surreal werden—wie echte Träume eben. In den überzeichneten Kitschwelten dieser Fotografen sind die Farben intensiver, die Requisiten absurder und die in ihnen erzählten Geschichten unlogischer als bei anderen. Wie kommt die tote Frau bei Izima Kaoru in den Kirschbaum? Weshalb liegt bei Miles Aldridge eine nackte Frau zwischen all den Macarons? Warum ist Jeff Koons bei Martin Schoeller weiß angemalt und trägt eine Blumenkrone? Es ergibt keinen Sinn. Trotzdem, oder gerade deshalb, sehen wir gerne hin. „Kitsch tut gut“ sagt Nadine Barth.

Über das Warum lässt sich spekulieren: Vielleicht ist es ein Relikt aus Kindertagen, als in unseren Bilderbüchern immer möglichst viel passieren sollte. Wir haben uns kleine Geschichten dazu ausgedacht, als unsere Gehirne noch in Bildern, anstatt in Worten, gedacht haben. Vielleicht erlaubt uns das karnevaleske, närrische, einen Moment der inneren Ruhe, weil wir unser inneres Chaos auf das Bild vor uns projizieren können. Oder vielleicht sind wir einfach dankbar, gelegentlich nur oberflächlich visuell stimuliert zu werden, ohne dass dahinter eine zerebrale Leistung stehen muss.
Egal, was es ist: Die aktuelle Weltlage ist düster genug. Nadine Barth hat recht: Kitsch ansehen tut erstaunlich gut.

Bling Bling Baby läuft noch bis zum 15. Januar im NRW-Foru

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