das berliner designerduo namilia hat es auf das patriarchat abgesehen

das berliner designerduo namilia hat es auf das patriarchat abgesehen

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei i-D Germany

Mit ihren auffälligen Kreationen haben Namilia bei der vergangenen New York Fashion Week bereits zum dritten Mal für Aufsehen gesorgt: comichafte Penisse, Pornoszenen und eindeutige BDSM-Anspielungen, so weit das Auge reicht.

Nan Li und Emilia Pfohl haben sich während ihres Bachelorstudiums an der Berliner UDKkennengelernt. Anschließend hat Nan das Royal College of Fashion in London besucht und mit einem Mastertitel abgeschlossen, während Emilia ein PR-Praktikum absolviert und hier und da gejobbt hat. Irgendwann später sind sie sich dann wieder über den Weg gelaufen und haben ihren lang gehegten Traum vom eigenen gemeinsamen Label unter dem Namen Namilia in die Tat umgesetzt. Mit ihrer ersten Kollektion My Pussy, My Choice haben sie verschiedene Muster des Frauseins durch die popkulturelle Linse betrachtet. In Feel the Heat haben sie sich dann mit Spielarten weiblicher Sexualität und mit hypersexualisierten Gangs beschäftigt. Für SS17 haben sie eine Art Raver-Dominatrix mit Capulet-Schriftzug auf dem zerfetzten Jeansrock und Rosen-Applikationen über den ersten eigenen Laufsteg von Namilia geschickt—zuvor hatten die beiden Rebellen ihre Kollektionen im Rahmen des V-Files Nachwuchs-Showspace präsentiert. Das Thema der Kollektion: You’re just a Toy—eine neue Version von Ware Liebe, die verschiedene Fetische zum Soundtrack von Garbages #1Crush unter die Lupe nimmt. Celebrity-Kult und politischer Wahlkampf-Wahnsinn, religiöse Motive und Teen Spirit treffen in dieser ikonoklastischen Bildwelt voller Latex, Tüll und Denim aufeinander. Wir haben mit den beiden über Feminismus, den US-Wahlkampf und Zukunftsutopien gesprochen.

In eurer aktuellen Kollektion kommen die Gesichter von Justin Bieber, Zayn Malik und Donald Trump auf Fetischkleidung und Porno-Pins vor. Welche Rolle nehmen diese Männer dort ein?
Nan: Männliche Popstars werden total vergöttert, weibliche Popstars hingegen werden oft sexualisiert und objektiviert. Das ist ein sehr unterschiedlicher Umgang mit Ikonen, der uns einfach beschäftigt hat. Zusätzlich habe ich angefangen, für Kanye an der Yeezy-Kollektion mitzuarbeiten und auch dort mitbekommen, wie krass seine Anhänger ihn auf ein Podest stellen.
Emilia: Kanye hat aber auch viele männliche Fans, während Justin Bieber und Zayn Malik hauptsächlich Mädchen als Fans haben. Bei den Jungs erfüllt Kanye eher eine Vorbildfunktion. Für Jungs wäre es ein Zeichen von Schwäche, einen Star so anzuhimmeln, wie Mädchen das tun. Mädchen wiederum stacheln sich gegenseitig dabei an und schaukeln sich hoch.

Und Donald Trump?
Nan: Donald Trump kam dann zuletzt noch hinzu. Wir finden ihn faszinierend und beängstigend zugleich. Irgendwie hatten wir das Gefühl, dass wir nicht darum herum kamen, das Thema aufzugreifen. Es betrifft eben die ganze Welt. Besonders die Unterschiede zwischen deutscher Politkultur und amerikanischem Polit-Entertainment bedeuteten für uns einen spannenden Blickwinkel. In den USA wird Politik komplett mit Personenkult vermischt. Es geht nicht um Inhalte, nicht um die Politik, sondern nur um den Entertainment-Faktor. Donald Trump ist aktuell der ultimative Superstar, so ein Celebrity-Kult existiert in Deutschland einfach nicht.

Woran liegt das eurer Meinung nach?
Nan: Ein wichtiger Punkt ist sicherlich die größere Rolle der Religion im öffentlichen Raum. Amerika hat ja auch einen großen Anteil an Katholiken, die viel mehr an Ikonen und Wunder glauben. Andererseits gibt es im dortigen Protestantismus und der zivilen Religion eine ganz andere Akzeptanz und Bewunderung von Reichtum.
Emilia: Dort bekennt man sich auch öffentlich zu seiner Religion, was ja hier eher etwas Privates ist.

Tribes sind ein wiederkehrendes Motiv in eurer Arbeit. Was fasziniert euch daran?
Nan: Uns fasziniert, dass Kleidung in den Jugendkulturen der Vergangenheit nicht nur einen ästhetischen Zweck erfüllt hat, sondern darüber hinaus auch eine Message gesendet hat. Diese Codes des Dazugehörens sind sehr spannend.
Emilia: Das gibt es heute gar nicht mehr. Heute wollen alle pseudo-individuell sein, sehen aber am Ende doch alle gleich aus.
Nan: Ja, und auch diese Individualität funktioniert wieder mittels Codes.

Zum Beispiel?
Emilia: Wenn man sich ansieht, wie Berliner rumlaufen und dann einen Düsseldorfer oder Münchner dagegenstellt, sieht man diese Codes und das Spannungsfeld zwischen Abgrenzung und Dazugehören ganz deutlich. Und dann im Gegensatz dazu steht New York: Dort ist man frei in seiner Kleidungswahl

Ihr habt mal gesagt, ihr wollt sein wie die Avantgarde und als erster gegen den Feind in den Kampf ziehen. Wer wäre denn dieser Feind?
Nan: Schwierige Frage. [Lacht] Lass mich kurz nachdenken.
Emilia: Den Feind in dem Sinne gibt es natürlich nicht. Aber ich würde die Leute nennen, die ignorant und unreflektiert sind, sowohl in der Mode, als auch in anderen Bereichen.
Nan: Ja. Und im Bereich Frauenrechte gibt es auch noch viele Feinde. Nicht unbedingt in Form von konkreten Personen, aber wir wollen mit unserer Mode einen Denkprozess anstoßen und sexistische Strukturen offenbaren, die jeder internalisiert hat und sonst als gegeben hinnimmt.

Also ein Denken Outside the Cocks [Anm. d. Red. wie Namilia in einer ihrer Kollektionen postuliert haben]?
Emilia: Ja, genau. Man handelt so oft in seiner gewohnten Weise, ohne es zu hinterfragen und perpetuiert damit diese patriarchalischen oder sexistischen Strukturen.

Deshalb nutzt ihr auch die Macht des Humors.
Emilia: Ja, aber nicht, weil wir resigniert haben. Wir wollen die Leute nur nicht mit der Moralkeule überrumpeln. Humor ist ein gutes Mittel, die Leute zu erreichen.
Nan: Aggressivität und Parolen helfen nicht. Wir möchten den Menschen eine Möglichkeit geben, diese erlernten Strukturen zu bemerken, ohne sich selbst dabei angegriffen zu fühlen.

In eurer Mode geht es immer feministisch zu, aber trotzdem sieht man viele Penisse und nur wenige Pussies, woran liegt das?
Emilia: In der letzten Season gab es Pussies! [Lacht] Aber du hast Recht, das sieht man leider nicht so richtig. Ich kann Dir mal ein Close-Up von dem grün-blau schimmernden Chainmail-Kleidern mit Pussy-Stickerei schicken.

Gedankenexperiment: Wie würde unsere Welt aussehen, wenn wir kollektiv nicht den Penis verehren würden, sondern die Vagina? Ich denke insbesondere an Architektur.
Emilia: Ich glaube, wir würden viel ovaler, runder und weiblicher bauen.
Nan: Vor allem die Kirchen würden bestimmt anders gebaut werden.

Wie sähe generell eine Welt aus, die von Frauen geführt wird?
Nan: In unserer Recherche für die neue Kollektion ist uns aufgefallen, dass es tatsächlich noch nie eine Gesellschaft gab, in der die Frauen die Männer dominiert haben. Deshalb bauen wir uns für die kommende Saison eine Phantasie-Welt auf, in der die Frauen an der Macht sind.
Emilia: Es ist wirklich schwierig, sich so eine Welt vorzustellen, weil es ja keine Vergleichsmöglichkeiten gibt. Ich glaube aber, dass es eine gute Utopie sein kein. Wir versuchen uns dabei vorzustellen, worum sich diese Welt dreht und wie sie auf die herrschenden Frauen abgestimmt ist.

Da bin ich wirklich gespannt auf die neue Kollektion.
Nan: Ja, das wird super.
Emilia: Mehr Pussies und weniger Phallusse! [Lacht]

namilia.com

Fotos: Mikey Asanin
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