was kommt in russland nach dem glamour?

was kommt in russland nach dem glamour?

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei i-D Germany

Russland ist für viele Menschen im Westen ein Buch mit sieben Siegeln. Putin, Schwulenhass, Syrien und protzige Dekadenz sind Schlagworte, die einem spontan einfallen. Das kann natürlich nicht alles sein. Wir haben die Künstlerin Jewgenija Tswchuikowa und die Kunsthistorikerin Natalia Gershevskaya in ihrer Ausstellung …nach Glamour im Düsseldorfer Ausstellungsraum KIT getroffen, um mit ihnen über die Entwicklung Russlands in den 2000er Jahren, die russische Seele in der Kunst und die Rolle der Frau im heutigen Russland zu sprechen.

 

Jewgenija Tschuikowa kommt aus Moskau, hat dort Grafikdesign und anschließend Kunst an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert. Sie arbeitet als Künstlerin in Düsseldorf und Moskau.

Natalia Gershevskaya stammt aus St. Petersburg und hat dort Kunstgeschichte und anschließend Kunstkritik und kuratorisches Wissen in Bochum studiert. Ihr Fokus liegt auf dem Austausch zwischen deutscher und russischer Kunst.

In der Ausstellung …nach Glamour habt Ihr euch mit der Entwicklung Russlands seit den 2000er Jahren beschäftigt. Was wolltet ihr damit aufzeigen?
Natalia: Es ging uns darum, diese Dekade zu untersuchen. In den 1990ern und 2000ern gab es eine Aufbruchsstimmung, eine Öffnung Russlands gegenüber dem Westen, die schließlich ins Brutale und Aggressive umschlug. Uns ging es um die Diskrepanz zwischen Leben und Show. Das zeigt sich ganz gut in dem Poster von Konstantin Latyshev, hier sehen wir ein fiktives Postkartenmotiv, das Moskau als Kurort darstellt. Natürlich assoziiert niemand Moskau mit einem Kurort. Hier wird mit einem ganz einfachen Mittel ironisch dargestellt, dass diese vermeintliche Verheißung Moskaus eine große Lüge ist.

Am Eingang der Ausstellung steht eine Installation von Rostan Tavasiev, die auf den ersten Blick an eine Duracell-Werbung erinnert. Eine Herde pinker Häschen sitzt in einer Reihe und wartet scheinbar darauf, die Häschen abzulösen, die ganz vorne in der Schlange auf einem Tretrad sitzen und einen Projektor antreiben. Dieser wiederum wirft ein Bild eines Häschens in Nahaufnahme auf die Leinwand vor ihnen.

Was machen die Häschen hier?
Natalia: Die Häschen warten auf ihren großen Moment auf dem roten Teppich. Auf dem Podest. Es geht um Macht: Wer ist der Sender, wer der Empfänger und was ist die Message? Was hier natürlich nicht zu sehen ist: Wer ist der Konstrukteur dieser Maschinerie?

Im Hintergrund läuft eine dramatische Melodie. Was ist das für eine Melodie?
Jewgenija: Die Melodie ist aus dem Film Der Profi mit Jean-Paul Belmondo, aus der finalen Szene, in der Belmondo von einem korrupten Polizisten erschossen wird. Es geht um zerplatzte Träume. Die 2000er waren eine Zeit der Hoffnung. Viele Menschen in Russland dachten, es gäbe jetzt einen Aufbruch, Entwicklung, Freiheit.

Woran ist diese Hoffnung zerbrochen?
Jewgenija: An der Eile, am Zynismus und an der Naivität, mit denen man der neuen gesellschaftlichen Ordnung begegnete, beziehungsweise versuchte, eine aufzubauen. Diese Dinge brauchten Zeit, die man sich nicht gab. Zeit vor allem auch dafür, die sehr unterschiedliche Bestrebungen und Einstellungen in der Gesellschaft gegenüberzustellen und zu diskutieren.Natalia: Schließlich scheiterte sie auch an der Wiederwahl Putins 2012, erfolglosen Protesten, dem Verfall des Rubels und im neu erstarkten Misstrauen dem Westen gegenüber, der durch die Sanktionen nur verschlimmert wird.

…nach Glamour heißt die Ausstellung – was kommt für die russischen Frauen nach dem Glamour?
Natalia: Das kann man gut an dem Werk von Olya Kroytor sehen. Es besteht aus einem roten Teppich, der am Boden losgeht und kurz vor der Wand spitz zusammenläuft. In Ihrer Performance hing sie an der Wand und wurde von dem roten Teppich sozusagen aufgespießt, fast wie bei einer Kreuzigung. Die Stelle am Körper, an der die rote Spitze des Teppichs die Performerin an der Wand fest hält, ist der Solarplexus. Wenn man einen Schlag auf den Solarplexus bekommt, kann man sich weder bewegen, noch sprechen, noch atmen. Olya hat uns erzählt, dass sie sich in dem Entstehungsjahr der Performance, 2014, genau so gefühlt hat. Sie war vollkommen machtlos, schwebte aber gleichzeitig über den Dingen. Dieses Gefühl verkörperte sie in ihrer Performance und das Gefühl sprach gleichzeitig für das, was Ihre Generation in Russland fühlte.
Kroytor ist in den 80er Jahren geboren, vielleicht sieht sie in dem roten Teppich in erster Linie Celebrities und Glamour. Für die ältere Generation, und uns, steht der rote Teppich aber für Parteigenossen, für die Staatsmacht. Egal, was man darin sieht: Allgemein es geht um die Ohnmacht der Frau, die zwar auf dem Präsentierteller steht, aber keine Stimme hat.

Es gibt aber auch andere Positionen zur Rolle der Frau in Russland?
Natalia: Ja, zum Beispiel bei Elena Berg, die mit Kunstfingernägeln verschiedene Bilder gestaltet hat. In ihrem Bild „Red“ sind rote Fingernägel so aufgereiht, dass es von Weitem fast aussieht wie Schlangen- oder Krokodilleder. Den einen erinnert es an eine Militärparade, andere sehen darin die Uniformierung der Frau als Schmuckstück.
Jewgenija: Auf einem anderen ihrer Bilder sind die Fingernägel aufgestellt wie Zähne eines Raubtieres. Die Frauen sind bei Elena Berg nicht nur Opfer, sondern auch Täter.

Jewgenija, eines der Bilder ist von dir. Es zeigt drei Leinwände im Format eines Altarbilds und jedes hast du in einer anderen Lippenstiftfarbe tausendfach geküsst.
Jewgenija: Ja, jede Leinwand trägt den Namen der jeweiligen Lippenstiftfarbe. Dieses hier zum Beispiel heißt „First Love“. Mich haben die Strategien fasziniert, mit denen der Markt Emotionen, Hoffnungen und Ängste instrumentalisiert und uns Frauen Optionen wie Dolce Vita Red, Last Shine Extreme oder Time Maxi Pump bietet. Es geht um die weibliche Identitätssuche und das Spiel mit der Sinnlichkeit. Ich will das aber nicht verurteilen. Schlimm finde ich aber, wie die Medien eine gewisse Art von Weiblichkeit vorschreiben wollen, und was das bei jungen Frauen auslöst. Auch dabei geht es wieder um Macht und den Platz, den eine Frau in der Gesellschaft einnimmt.

Und wie steht es denn um die russische Männlichkeit?
Jewgenija: Ich habe gerade einen Artikel darüber gelesen, wie die Russen sich über Gayropa lustig machen. [Anm. der Redaktion: Die Welt schrieb dort, dass das gesetzliche Verbot der „Propaganda nicht traditioneller sexueller Beziehungen“ das russische Volk hinter Putin versammelt hat. Diese Russen wollen sich nicht den Gendernormen und der politischen Korrektheit Europas und Amerikas beugen.]
Natalia: Aber auch Männer sind in Russland einem immensen Druck ausgesetzt, sich zu beweisen. Sie müssen ständig ihre Potenz beweisen, ob das nun um finanzielle Aspekte geht, oder um ihre Virilität. Das Kunstwerk von Vikenti Nilin beschäftigt sich mit der Rolle des Mannes in der russischen Gesellschaft. In einem Raum befinden sich schwere, aus Holz gearbeitete Gerätschaften, die an Folterinstrumente erinnern. Auf der einen Seite steht ein Holzblock mit einem schweren Gewicht auf Höhe der Geschlechtsorgane, dem gegenüber ein Spiegel für Selfies. Es geht im die Inszenierung männlicher Potenz, verweist aber auch auf den Druck, dem der Mann ausgesetzt ist.

Wie geht es weiter mit Russland?
Jewgenija: Es gibt viele junge Kreative, die Neues versuchen. Die junge Generation hat keine Plastikfingernägel mehr. Manche Straßen in Russland sehen aus, als wäre man in Europa. Ich finde, man sieht das auch in der Mode: Gosha Rubchinskiy und Demna Gvasalia, der aus Georgien kommt, zelebrieren zum Teil diese bedrohliche Maskulinität, lösen ihre Brutalität aber auch auf, indem sie sie mit homoerotischen und weiblichen Gegensätzen paaren und so die Grenzen verwischen. Das sind Identitätsfragen für Männer, die auch vor Russland also nicht Halt machen.

 

 

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