Piquéfein: Poloshirts auf dem Vormarsch

Business 19/03/2019
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Photo by Mario Gogh on Unsplash

Dieser Artikel erschien am 25.7.2018 bei Faz.net und zuvor in der FAS.

Wimbledon, 1934. Der Brite Fred Perry tritt im Finale des Turniers gegen Jack Crawford aus Australien an. Die beiden Gegner tragen weiße Bundfaltenhosen und weiße Hemden, Perry allerdings trägt ein Polohemd, Crawford ein langärmliges Button-Up-Hemd. Die sonnenbehüteten Köpfe der Menge schnellen von links nach rechts, dem rasanten Ballwechsel folgend. Crawford, der anfangs noch recht siegessicher in die Kameras gelächelt hatte, hat mittlerweile die Hemdsärmel hochgekrempelt. Am Ende gewinnt Perry 6-3, 6-0, 7-5. Ein Triumph, nicht nur für Großbritannien und einen Amateur aus der Arbeiterklasse, sondern auch für das Polohemd.

Fred Perry war jedoch nicht der Erfinder des Polohemdes, Polospieler in Indien trugen es schon eine Weile, bevor eine andere Tennislegende es aufgriff. Auf den Markt gebracht wurde das Sporthemd mit der verkürzten Knopfleiste von René Lacoste, der bei den U.S. Open 1926 sein „Tennisshirt“ aus Piqué-Baumwollgewebe erstmals präsentierte. 1933 wurde das Modell L.12.12 lanciert und mit einer Werbekampagne beworben. Schnell löste es auf den Tennisplätzen der Welt das steife weiße Hemd und die Krawatte, die zum Teil auch noch zum Tennis getragen wurde, ab. Bequemlichkeit siegte auf dem Platz und in der Garderobe, auch damals schon. Nicht nur im Tennis, auch im Polosport und dem Golf hielt das flexible Shirt schnell Einzug.

85 Jahre später feiert das Modelabel mit dem Krokodil, das zuletzt einen Jahresumsatz von rund 1,6 Milliarden Euro vermeldete und Modenschauen zur Fashion Week in Paris inszeniert, seinen ausdauernden Siegeswillen mit einer Jubiläumskollektion. Auf dem Laufsteg spielte in dieser Saison das Poloshirt eine herausragende Rolle: Es wurde unter Kleidern kombiniert, der Kragen zackig überspitzt und als dekonstruiertes Oversizekleid schulterfrei getragen – dazu wurden Kopf und Arm durch das, was üblicherweise der Halsausschnitt wäre, gesteckt. „Bei Poloshirts hat man bisher eher an die klassischen Modelle gedacht, die allerdings dann eher mehr als Basics und weniger als stylische Fashion-Items zum Einsatz gekommen sind“, sagt Marco Dippe, Geschäftsführer Lacoste Germany. „2018 ändert sich das. Durch Neuinterpretationen wird der Klassiker nicht nur zu einem modischen Statement, sondern zum Must-have-Piece der nächsten Saison.“

Schon einmal war das Poloshirt das ‚Must-have der Saison‘. Etwa um 2004 war das. Damals trugen es alle, von Paris Hilton bis P. Diddy. Eine einzige, alles entscheidende Frage dominierte damals die Internet-Foren und frühe soziale Medien wie StudiVZ: Kragen hoch oder runter? Es bildeten sich Fronten, an der Frage schieden sich die Geister. „Studenten gegen hochgeklappte Polokragen“ hieß dort beispielsweise eine Gruppe, „Hochgeklappte Polokragen machen sexy“ eine andere. Über die Farbe war man sich allerdings einig: Rosa („Schweinchenrosa“) musste es sein, in Ausnahmefällen gingen auch andere Pastellfarben. Dazu kombinierte frau Jeansminirock und Uggs oder Ballerinas, die Herren ließen das Polo über ihre Baggy Pants hängen. Beides sollte heute tunlichst vermieden werden: „Durch Layering kann man das Poloshirt nicht nur cool stylen, der Look wirkt auch besonders ‚casual‘. Zum Beispiel indem man ein enges, langärmliges Shirt unterzieht. Im Herbst kann auch ein spannender Look mit Rollkragen unter dem Poloshirt und einer oversized Weste darüber kreiert werden“, so der Vorschlag von Marco Dippe.

2018 rücken aber nicht nur die üblichen Verdächtigen das Poloshirt für Damen in ein neues Licht. Kaum ein Laufsteg kam ohne das Mischwesen aus Hemd und Shirt aus. Was da auf den Laufstegen gezeigt wurde, war allerdings weit ab von den klassischen Modellen. Bei Céline gab es geblümte Oversize-Polos mit ebenso zu großen Westen darüber zu sehen. Bei Stella Jean wurde ein rot-weißes Polohemd mit Batikmuster unter einem langen schulterfreien Ethno-Kleid getragen, oder ein schwarz-weiß gestreiftes Football-Schiedsrichter-Trikot zu einem Rüschenrock. Für Loewe kreierte Designer Jonathan Anderson erdbeerrote und softeisblaue Maxikleider mit braunen Ledereinsätzen an der polotypischen Knopfleiste, wenn er sie nicht gleich miteinander kombinierte und ganz frech den Kragen des einen aus dem anderen herausblitzen ließ. Modeikonoklast Demna Gvasalia schlug bei Balenciaga ein giftgrün gesmoktes Polohemd mit Schößchen vor. Aber auch König Fußball regierte. Zum Beispiel bei Koché, dem Label von Christelle Kocher, wo die Models zeitweise aussahen, als wären sie auf dem Weg zum Bolzplatz.

Kein schlechter Schachzug natürlich, in einer Saison, die ohnehin vom Sport geprägt sein wird, ein Basic modisch neu aufzulegen, das den Wechsel vom Büro zum Afterwork-Bierchen beim Public Viewing des nächsten WM-Spiels nahtlos mitmacht. Auch bei Sportgigant Adidas erwartet man sich ein dickes Geschäft mit dem Zuschauersport. Die acht Millionen Trikots, die die Marke anlässlich der WM vor vier Jahren in Brasilien verkauft hatte, dürften in diesem Jahr noch übertroffen werden, das jedenfalls prophezeite Vorstandschef Kasper Rorsted der Nachrichtenagentur Bloomberg. Die Herzogenauracher Sportmarke stattet insgesamt zwölf Teams der Weltmeisterschaft aus, mehr als jeder Konkurrent.

Und wie kommt der Trend im Handel an? Herbert Hofmann, Chefeinkäufer beim Berliner Voo Store beobachtet den Gesinnungswandel der Kunden aus nächster Nähe: „Generell wird das Poloshirt immer noch als ‚preppy‘ wahrgenommen, und darunter leidet es. Man denkt unwillkürlich an Münchner Jungs mit hochgeschlagenem Kragen und nach hinten gegelten Haaren.“ Doch der immer sportlichere Stil, der die Straßen der Großstädte prägt, kommt dem Poloshirt zu Gute. „Das Polo hat etwas Sportliches, Rebellisches, was gut ankommt.  Wir haben es seit mehreren Saisons von Sportmarken wie Nike oder Adidas im Sortiment. Es gibt einem ein T-Shirt-Gefühl, man ist sportlicher unterwegs als mit Hemd, aber zugleich angezogen. Und bei den Herren macht es durch die engen Ärmel einfach eine gute Figur. Jetzt setzen auch Fashion-Labels wie Prada und Loewe zunehmend auf dieses Produkt“, sagt er. „Wir kombinieren die Polos eher sportlich, jung und frisch, lieber prollig als preppy mit Kragen nach oben.“ Für Frauen hat er in dieser Saison aber noch weniger Poloshirts eingekauft als für Männer. „Frauen haben noch ein bisschen Angst, beim Styling des Poloshirts daneben zu greifen: Rosa Polo mit beiger Hose, dazu eine Perlenkette und die blonden Haare hochgesteckt – das wäre das Horrorszenario“, sagt Herbert Hofmann.

Hätte man bei Fred Perry immer nur das Problem gehabt, mit Münchner BWL-Studenten assoziiert zu werden, wäre das Label wohl froh gewesen. In den 60 Jahren , die das Label mittlerweile auf dem Buckel hat, hat es vielleicht eine der bewegtesten Geschichten der Modewelt erlebt. Weil der Tennisstar ein Idol der Arbeiterklasse war, konnten sich verschiedenste britische Subkulturen und leider auch einige nationalistische Gruppen gut mit seinem Produkt identifizieren – von den Mods über Punks bis hin zu Skinheads und Neo-Nazis war alles dabei. Heute ist man weitgehend vom Nazi-Image weg, auch deshalb, weil die Marke sich klar von den politisch motivierten Bewegungen distanzierte und mit Lifestyle-Kollaborationen gegenarbeitete. Fred Perry machte gemeinsame Sache mit Künstlern wie Amy Winehouse, Designern wie Raf Simons oder Sportlern wie Andy Murray. Aktuell gibt es eine Kollaboration mit der britischen Kultdesignerin Bella Freud, die ihre Inspiration im Glamour, Punk und Grunge im West London der 70er Jahre sucht und im reichen Subkulturenfundus von Fred Perry fündig wird. Die Ästhetik ist unnachahmlich britisch und durchbricht Klassengrenzen genau wie Genderklischees.

Das Poloshirt ist ein Grenzgänger zwischen den Welten: Eigentlich ist es ein klassisches Herrendesign, doch die Damen werden sich wohl auch diesmal vom Trend nicht lange bitten lassen. Vielleicht liegt das daran, dass das Polohemd so vielseitig ist: Es hat einen Kragen wie ein Hemd, ist aber dehnbar wie ein T-Shirt, es ist sportlich, aber auch ein bisschen Business. Eines hat es aber definitiv beiden voraus: Es muss nicht gebügelt werden.